Explications de Bart de Geeter
devant le tribunal, 29 avril 2005

Hiermit möchte ich mich schriftlich zu den gegen mich erhobenen Vorwürfen äußern. Schriftlich deshalb, weil ich der deutschen Sprache nicht in ausreichender Weise mächtig bin. Auf meinen Wunsch hin haben deshalb meine Anwälte diese Einlassung auf der Grundlage mehrerer Rücksprachen mit mir gefertigt. Diese entspricht in vollem Umfange dem, was ich zur Sache sagen möchte.

Meine Mitangeklagten, also Begona, José und Gabriel, kannte ich zum Zeitpunkt des hier in Rede stehenden Geschehens nur oberflächlich, von allen dreien waren mir nur die Vornamen bekannt. Die beiden Männer kannte ich dabei nur unter ihren Aliasnamen Alfonso und Micele, ihre wahren Namen wurden mir erst durch die Akten bekannt. Ich nenne sie jetzt im weiteren unter ihren richtigen Namen. José und Gabriel hatte ich einige Zeit vorher im Rahmen politischer Tätigkeiten und Diskussionen kennen gelernt. Ich wußte von beiden lediglich, dass sie Anarchisten sind und wohl auch schon über Hafterfahrung verfügten. Mir war allerdings unbekannt, dass einer oder beide auf der Flucht waren und sich unter falschem Namen in Belgien aufhielten.

Begona habe ich erst anläßlich der hier in Rede stehenden Fahrt kennen gelernt, von ihr wußte ich eigentlich nur, dass es sich um die Schwester von Gabriel handelt.

Ich glaube, dass es Gabriel war, der mir einige Tage vor dem hier in Rede stehenden Geschehen erzählte, dass er und José vorhatten, nach Tschechien zu fahren. Ich weiß nicht, ob Begona zu diesem Zeitpunkt schon da war, ich selbst habe sie erst kurz vor Fahrtantritt kennen gelernt. Jedenfalls war beabsichtigt, Begona an irgendeinem Bahnhof in Köln oder Aachen abzusetzen.

Ich meinerseits habe mich daraufhin spontan entschlossen, meine Freundin, die zu dieser Zeit bei einem gemeinsamen Bekannten in Bremen war, zu besuchen. Ich hatte ihr davon vorher nichts gesagt und wollte sie mit diesem Besuch überraschen, um mit ihr ein paar Tage verbringen. Ich habe deshalb Gabriel gefragt, ob ich bis in den Raum Köln mitfahren könnte, wo ich dann an einer Raststätte hätte abgesetzt werden sollen, um von dort aus weiter zu trampen, womit die anderen einverstanden waren. Dieses Einverständnis kam damals nicht so spontan, wie ich es eigentlich von Genossen erwartet hatte. Nach der Festnahme konnte ich mir natürlich den Grund für dieses Zögern denken. Wenn man auf der Flucht und bewaffnet ist, kompliziert jede weitere Person die Lage.

Das ist jedenfalls der Grund, warum ich mich am 28.06.2004 zusammen mit Begona, José und Gabriel in dem BMW befand, der dann kontrolliert wurde. In der Anklage steht, dass wir alle gemeinsam den Plan verfolgten, mittels Waffengewalt Raubüberfälle auf ein noch auszukundschaftendes Geldinstitut und zwei Waffengeschäfte in Dresden zu verüben. Ich weiß nicht, wie die Anklage zu dieser Behauptung kommt. Bezüglich meiner Person jedenfalls kann ich erklären, dass ich nie auch nur auf den Gedanken käme, mittels Waffengewalt irgendwelche Raubüberfälle auf Geldinstitute oder Waffengeschäfte oder dergleichen zu unternehmen. Warum auch ? Bis zu meiner Festnahme bekam ich ungefähr sechshundert € Arbeitslosengeld monatlich. Bei meinen geringen materiellen Bedürfnissen hat mir das zum Leben völlig ausgereicht. Dementsprechend war ich auch an keinerlei Planung – wenn sie denn überhaupt existierte – beteiligt. Unzutreffend ist auch die weitere Behauptung der Anklage, ich hätte Kenntnis davon gehabt, dass José und Gabriel bewaffnet sind. Hätte ich dies gewußt, hätte ich die Fahrt gar nicht erst angetreten.

Die Kontrolle durch den BGS habe ich dementsprechend zwar als lästig und schikanierend, aber ansonsten als ohne jede Bedeutung empfunden. Ich hatte nichts zu verbergen, in meinem Rucksack waren ja lediglich ein paar normale Kleidungsstücke für ein paar Tage. Als José und Gabriel dann plötzlich auf der Tankstelle Waffen zogen und damit die Polizeibeamten bedrohten, war ich nicht nur vollkommen überrascht und verunsichert, sondern auch verängstigt. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was los ist, und hatte tierische Angst, dass geschossen werden würde, zumal auch die Polizeibeamten - jedenfalls teilweise – ihre Waffen zogen. Ich wußte gar nicht wohin und habe mich weggeduckt.

Ich habe dann kurzzeitig Gabriel und José aus den Augen verloren und geschaut, wo Begona ist. Diese stand noch immer neben dem Fahrzeug, ohne irgend etwas zu tun. Ich bin
dann hin zu Begona, weil ich aus ihrem passivem Verhalten geschlossen habe, dass sie genauso überrascht war von dem Geschehen wie ich. Dabei habe ich dann mitbekommen, dass José und Gabriel versuchten, mit einem Mercedes wegzufahren, was aus für mich nicht erkennbaren Gründen jedoch nicht gelang. Erst als sie alle wieder ausstiegen, bemerkte ich, dass neben José und Gabriel auch die Eheleute Schulz dabei waren. Die vier haben sich dann in unsere Richtung bewegt und sind in den BMW eingestiegen. Ich selbst habe zu diesem Zeitpunkt immer noch bei Begona gestanden und bin davon ausgegangen, dass José und Gabriel jetzt mit dem Wagen wegfahren und Begona und ich an der Tankstelle zurückbleiben.

Der BMW ist auch ganz kurz angefahren, hat dann aber sofort wieder gestoppt. Ich glaube es war Gabriel, der mich aus dem Fond des Wagens recht deutlich aufforderte, ebenfalls einzusteigen. Dieser Aufforderung bin ich gefolgt und habe mich hinten rechts im Fahrzeug niedergesetzt.

Ich habe mir während meiner Untersuchungshaft viele Gedanken darüber gemacht, warum ich damals in den BMW eingestiegen bin. Denn eigentlich wäre ich heilfroh gewesen, zusammen mit Begona auf der Tankstelle zurückzubleiben. Eine wirklich vernünftige Erklärung hierfür habe ich nicht gefunden . Ich denke, die Situation hat mich derartig überfordert, dass ich zu einem klaren und insbesondere selbständigen Denken nicht mehr in der Lage war und mich deswegen jedweder Anweisung gebeugt habe. Auf gar keinen Fall hatte ich aber die von der Anklage behauptete Absicht, durch mein Zusteigen in den Pkw die Flucht von Frau Schulz zu erschweren oder unmöglich zu machen. An so etwas habe ich nicht einmal im Entferntesten auch nur gedacht, soweit ich in dieser Situation überhaupt gedacht habe.

Die darauffolgende Fahrt durch die Aachener Innenstadt reduziert sich in meinem Gedächtnis auf eine Abfolge von Beschleunigungsmanövern und Bremsmanövern. Es herrschte überwiegend sehr dichter Verkehr. Ich meinerseits habe vollkommen die Orientierung verloren und kann mich an Einzelheiten überhaupt nicht erinnern. Ich weiß noch, dass Gabriel sich ein- oder zweimal aus dem Fahrzeug gelehnt hat, ob er dabei irgendwelche Schüsse abgegeben hat, weiß ich nicht mehr. Eigentlich müßte ich mich ja zumindest an den Knall eines oder mehrerer Schüsse erinnern, die Erinnerung fehlt mir aber völlig. Völlig vergessen hatte ich auch, dass ich Frau Schulz den Sicherheitsgurt gereicht hatte. Das ist mir erst wieder eingefallen, als es von den Eheleuten Schulz in der Hauptverhandlung erzählt wurde.

Der BMW hat dann aus mir unbekannten Gründen an einer Kreuzung plötzlich gehalten, wobei durch den Wagen ein anderes Fahrzeug, nämlich ein Mercedes, an der Weiterfahrt gehindert wurde. José oder Gabriel, ich glaube es war Gabriel, rief dann: „ Raus, raus !“. Ich bin dann auch aus dem Wagen ausgestiegen, wußte allerdings nicht, was ich jetzt machen sollte. Gabriel bewegte sich in die Richtung, aus der wir gekommen waren, während José in Richtung des an der Weiterfahrt gehinderten Mercedes lief. Ich bin dann hinter José her in etwa die gleiche Richtung gelaufen. Dabei habe ich hinter mir plötzlich Schüsse gehört und bin deshalb stehengeblieben. Zu diesem Zeitpunkt war ich vier, fünf Meter von dem Mercedes entfernt, schon fast an ihm vorbei in die Straße reingelaufen, aus der der Mercedes gekommen war. Ich habe mich erst einmal wieder abgeduckt und mich umgeschaut, konnte aber nicht mehr feststellen, wer geschossen hatte. Den Wagen des BGS habe ich überhaupt nicht gesehen. Vielmehr sah ich Gabriel, der zu José an die Fahrerseite des Mercedes lief. Ich habe nicht mitbekommen, wie der Fahrer ausgestiegen ist und wohin er gelaufen ist, weil ich – wenn ich mich richtig erinnere – selber noch ein paar Schritte mehr oder weniger ziellos in die Gegend gelaufen bin. Ich habe auch gar nicht mitbekommen, wie Gabriel und José in den Mercedes eingestiegen sind. Jedenfalls hat der Mercedes dann auf meiner Höhe gehalten und Gabriel hat mich erneut deutlichst aufgefordert, zuzusteigen, was ich widerspruchslos auch getan habe. Ich denke, ich war noch immer derartig durch den Wind, dass ich einfach das getan habe, was mir gesagt wurde und was alle anderen taten.

Jedenfalls sind wir nicht mehr sehr weit gefahren und haben den Mercedes wieder verlassen. Wir sind dann über irgendein Brachgelände gelaufen, wobei ich mehr oder weniger hinter den beiden hergestolpert bin und nach dem Überklettern eines Zaunes auf dem Werkstattgelände gelandet.

Erst dort, auf dem Werkstattgelände bin ich irgendwann wieder Herr meiner Sinne gewesen. Der Grund war glaube ich, weil mich einer der dort anwesenden Männer ganz freundlich angesprochen hatte und sich nach meinem Alter erkundigte. Ich muss auf ihn irgendwie völlig verwirrt gewirkt haben, er stellte mir diese Frage ähnlich, wie man sie einem kleinem Kind stellt. Jedenfalls habe ich in diesem Moment gedacht, dass ich hier nur noch raus will, weg von alledem. Gabriel hat versucht, mich zu beruhigen und letztendlich gesagt, jetzt könnte ich versuchen abzuhauen. Die Polizei würde sicherlich glauben, dass ich zu ihnen gehöre, es sei daher das Beste, wenn ich mich alleine wegbewegen würde. Er hat mir dann auch noch etwas Geld gegeben, damit ich mir ein Taxi nehmen könne. Auf der Straße bin ich dann festgenommen worden.

Das ist alles, was ich zur Sache sagen kann und möchte. Fragen zur Sache selbst werde ich nicht beantworten. Zu meinen persönlichen Verhältnisse äußere ich mich dagegen gerne.

Bart De Geeter